Einmal im Winter

Einmal im Winter

Einmal im WinterVor langen, langen Zeiten lebte in einer Hütte an einem bewaldeten Hang eine Witwe mit ihren drei Söhnen. Einmal im Winter, als es gerade dicht schneite, wollte die Frau Brot backen, doch war ihr Holzvorrat so zusammengeschrumpft, dass nur noch ein paar Scheite übrig waren. „Hol schnell Reisig aus dem Wald!“ befahl sie dem ältesten Sohn. Der Bursche hatte ganz und gar keine Lust, von der Bank aufzustehen und in das Unwetter hinauszugehen, aber die Mutter machte ihm Beine. Schon nach drei Schritten blieb er bis zum Gürtel im Schnee stecken. Als er sich mühsam aus der Schneewehe herausgearbeitet hatte, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als in die Hütte zurückzukehren, sich an den Ofen zu setzen und zu schimpfen, dass er wegen ein bisschen Holz beinahe jämmerlich umgekommen sei.

Das letzte Holz brannte langsam nieder, die Glut erlosch, und bis zum Morgen war es noch weit. Da wurde es dem mittleren Sohn zu bunt, er stand auf und ging hinaus, Reisig holen. Er stampfte durch den tiefen, weichen Schnee, suchte dürre Bäume, um sie abzuschlagen und nach Hause zu tragen. Auf einmal blieb er verwirrt stehen, denn er war auf einen hölzernen Wachturm gestoßen, obwohl doch an dieser Stelle noch nie einer gewesen war. Er ging um den ganzen Turm herum und suchte eine Tür, um hineinzuschauen, fand aber keinen Eingang. Noch einmal ging er ringsherum, und diesmal entdeckte er ganz oben unterm Dach ein einziges Fenster. Indem erschien in dem Fenster ein riesiger Kopf mit Augen, groß und rund wie Untertassen. „Hallo, du da unten, hilf mir doch“, bat das seltsame Geschöpf. „Bring mir ein bisschen Wasser. Die Quelle ist nur gute drei Mannsschritte von hier, und ein Krug steht auch dort. Ich komme fast um vor Durst, und du siehst ja selbst, dass ich hier nicht raus kann.“ „Und was gibst du mir dafür?“ fragte der Bursche. „Ich habe nichts, kann dir nur mit einem guten Wort danken.“ „So hilf dir selbst! Was soll ich mit deinem guten Wort anfangen? Ich muss schnell Holz sammeln, damit wir zu Hause nicht erfrieren.“ Wie der mittlere Bruder dem Turm den Rücken kehrte, da schnellte plötzlich ein Ast aus dem. Schnee und traf ihn so heftig, dass er erschrocken zur Seite sprang. Dornenzweige schlugen ihm ins Gesicht, so dass er laut aufschrie. Ehe er, vor Angst und Schmerzen wie von Sinnen, aus dem Wald herausfand, war ‚er ganz zerschunden und zerkratzt. Mehr tot als lebendig stürzte er zur Hütte hinein.

„Was ist dir denn widerfahren, mein Sohn?“ rief die Mutter, als sie ihn erblickte. „Wer hat dich so zugerichtet?“ „Die Förster“, murmelte der Jüngling. „Die Förster waren im Wald und ließen mich keinen einzigen trockenen Ast abschlagen. Mit Flüchen und Prügeln haben sie mich aus dem Wald gejagt.“ „Was sollen wir nur anfangen?“ jammerte die Mutter. „Feuer haben wir keins mehr und zu essen auch nichts. Wir werden erfrieren und verhungern!“

Diesmal stand der jüngste Sohn auf. „Ich werde es versuchen, vielleicht habe ich mehr Glück!“ David, so hieß der Jüngste, ging zur Hütte hinaus, stapfte durch den tiefen Schnee und kam schließlich auch zu dem hohen Wachturm. Auch diesmal tat sich das Fenster auf, und der Mann mit den Telleraugen rief ihm zu: „Ach, hilf mir doch und bringe mir ein bisschen Wasser, ich komme fast um vor Durst. Drei gute Mannsschritte von hier findest du eine Quelle und auch einen Krug. Ich selbst kann ja nicht aus dem Turm heraus.“ David nickte. Er kämpfte sich durch den tiefen Schnee, bis er das Wasser gefunden hatte und mit dem vollen Krug wieder zurück war. Der Telleräugige ließ einen Strick aus dem Fenster, der Jüngling band den Krug daran, und der Alte zog ihn hoch, sagte Dankeschön und schlug das Fenster zu.

David hatte schnell einen Haufen Reisig zusammengetragen und wollte gerade einen Strick darum binden und dann auf schnellstem Wege nach Hause eilen, als ihm einfiel, noch einmal zurückzuschauen. Da rieb er sich verwundert die Augen: Der Wachturm war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Indem hörte er eine Stimme: „David!“ Er schaute sich suchend um: Neben ihm stand ein winziges Männlein in königlichem Gewande. „Ich bin der Herr der Berge“, sagte es. „Ein böser Zauberer hatte mich in den Turm verbannt, aber du hast seine Macht gebrochen, weil du dich meiner erbarmt hast. Nun bin ich wieder frei.“ Der König der Berge zog einen Ring vom Finger und reichte ihn David. „Mein Sohn, wenn du irgendetwas brauchst, so reibe nur meinen Ring, und er erfüllt dir jeden Wunsch.“

David bedankte sich bei dem Männlein und steckte den Ring in seine Tasche. Der König der Berge verschwand zwischen den Bäumen, und David bückte sich wieder zu seinem Reisigbündel. Er hatte es noch gar nicht angerührt, da band sich das Reisig allein zusammen und sprang ihm auf den Rücken. Federleicht schien es ihm, als er es nach Hause trug. Die Mutter war froh, als ihr Sohn mit so viel trockenem Holz zurückkam. „Jetzt sind wir gerettet!“ rief sie froh, und bald darauf war es wieder warm in der Hütte, und das frische Brot duftete verlockend.

Auf dem Berg, an dessen Fuß die Hütte der Witwe stand, erhob sich ein stattliches Schloss, und‘ dort lebte ein mächtiger und reicher Edelmann. Früher hatte er ein lustiges Leben geführt, aber seit einiger Zeit plagten ihn schwere Sorgen. Eine böse Hexe hatte ihm all sein Geld und seine Schätze aus dem Schloss geraubt, in einen riesigen Sack gesteckt und in einen tiefen Keller geschleppt, den er einst neben dem Schloss direkt im Felsen hatte anlegen lassen. Dann hatte sie vor dem eisernen Tor ein großes Feuer angezündet. Das Hexenfeuer brannte Tag und Nacht. Und da sich das Feuer weder mit Wasser noch mit Sand löschen ließ und die Flammen viel zu hoch schlugen, als dass man hätte darüber springen können, kam keiner an die Schätze im Keller heran.

Der Lord ließ im ganzen Land verkünden, er wolle dem, der ihm sein Geld und seine Juwelen zurückhole, eine seiner Töchter zur Frau geben und ein Drittel der geretteten Schätze dazu. Da meldeten sich bald viele junge Burschen von nah und fern im Schloss und wollten ihr Glück versuchen, denn der Lord galt als sehr reich, und seine Töchter waren im ganzen Land berühmt für ihre Schönheit. Die wenigen Mutigen kehrten gleich wieder um, als sie das Hexenfeuer lodern sahen. Und wer es dennoch wagen wollte, den versengten die Flammen schon von weitem mit ihrer Glut.

Auch Davids ältere Brüder hätten gern eine der Töchter geheiratet und ließen sich im Schloss melden, aber das Feuer schreckte sie ab.

„Jetzt werde ich mein Glück versuchen“, erklärte David eines Tages. „Lass dich nicht auslachen“, winkte der älteste Bruder verächtlich ab. „Das haben schon ganz andere versucht, und alle mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.“ Die Mutter aber jammerte: „Mit eigenen Augen habe ich das grässliche Feuer gesehen. Ein Mensch, der darüber springen könnte, wurde noch nicht geboren. Auch du wirst nichts ausrichten, wirst noch in den Flammen umkommen, wenn du es versuchst!“ Doch David ließ sich nicht abschrecken, er ging geradewegs zum Keller des Lords. Dort rieb er den Ring des Königs der Berge und wünschte sich, dass ihm kein Feuer etwas anhaben könne. Dann schritt er mutig durch die Flammen, die ihm nicht einmal den Saum versengten. Den Sack hatte er schnell gefunden, aber er war so schwer, dass er ihn nur mit größter Anstrengung aufheben und durch das Feuer zurücktragen konnte. Auch diesmal krümmten ihm die Flammen kein Haar. Er schleppte den Sack auf den Schlosshof, warf ihn vor der Tür ab und lief davon, so schnell er konnte. Der Lord und seine Töchter aber hatten gerade am Fenster gestanden und ihn doch gesehen. „Was ist das für ein Kerl, und was hat er uns da vor die Tür geworfen?“ Die Diener liefen nachsehen, was in dem Sack sei, und dann brach im ganzen Schloss ein unglaublicher Jubel aus. „Das Gold, das gestohlene Gold und Silber aus den Schlosstruhen!“ riefen alle, durcheinander, und der Lord weinte vor Freude.

David war inzwischen wieder heimgekehrt. Jetzt wusste er nun, was für einen wertvollen Ring er bekommen hatte. Und er wünschte sich, dass anstelle ihrer armseligen Hütte ein schönes Haus stehe und dass seine Mutter, die Brüder und er selbst immer genug zu essen hätten und schöne Kleider auch. Und alles, was er gewünscht hatte, das ging augenblicklich in Erfüllung. Davids Mutter und die Brüder glaubten mit offenen Augen zu träumen und brachten kein Wort heraus. David zeigte ihnen aber den Ring nicht und behielt für sich, wie ihn der Herr der Berge belohnt hatte für seine wiedergewonnene Freiheit.

Als sie sich wieder gefasst hatten, setzten sie sich schnell an den gedeckten Tisch, das unverhoffte Glück zu genießen, denn wer weiß, ob sich das alles nicht wieder auflöste in Schall und Rauch. Auch der Lord verlor keine Zeit. Er schickte seine Diener in alle Himmelsrichtungen aus, den Jüngling, der ihm den Sack gebracht hatte, zu suchen. Die Diener kamen auch in das Haus der Witwe, und sie erkannten David auch in seinen neuen Kleidern. Da ritten sie schnell ins Schloss zurück, ihrem Herrn zu melden, dass sie ihren Auftrag erfüllt hätten. Der Lord ließ vier Rappen vor seine schönste Kutsche spannen und David ins Schloss holen.

„Sei mir willkommen, mein Sohn!“ rief der Edelmann, als die Kutsche im Schlosshof hielt, und befahl seinen Dienern, ein Fass vom besten Bier aus dem Keller zu rollen. „Willkommen, David!“ sagten auch die drei Töchter des Lords und lächelten ihn an. David gefiel vor allem die jüngste über die Maßen, und er dachte, dass sie wohl das schönste Mädchen unter der Sonne sei. Als sie ihn anschaute, rieb er heimlich den Ring und wünschte sich: „Ach, wenn sich das schöne Mädchen doch in mich verlieben würde!“

Die jüngste Tochter des Lords liebte ihn von diesem Augenblick an von ganzem Herzen. Und dann wurde im Schloss Hochzeit gefeiert. Eine Hochzeit, wie sie nicht ihresgleichen hatte. Sieben Tage lang wurde gegessen und getrunken, getanzt und gesungen von früh bis spät.

Gleich nach der Hochzeit überlegte David, dass es sich in einem schönen, neuen Schloss noch viel besser leben ließe. Kaum waren die letzten Hochzeitsgäste abgefahren, hielten die jungen Eheleute Einzug im schönsten Schloss im ganzen Königreich und mit ihnen auch Davids Mutter und Brüder, und dort lebten sie dann alle glücklich und zufrieden.

Der Ring des Königs der Berge Keltisches Märchen

Auszug aus dem Märchen- Advents- Kalender
http://klickjetzt.de/maerchenadventskalender

Sie können diesen Blogartikel gerne weiterlempfeheln, an Menschen, die Ihnen am Herzen liegen und denen Sie eine beseelte, erfüllende Zeit wünschen.

Eine innige und märchenhafte Zeit

wünscht Ihnen

Monika Zehentmeier vom Märchen- und Lichtberg
und vom ganzen Märchen- Team

 

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