Fundevogel. Märchen interpretieren durch betrachten.

 

Fundevogel.
Märchen interpretieren durch betrachten.

Unser Bewusstsein wacht!

Das Märchen vom Fundevogel aus der Sammlung der Brüder Grimm von 1857 ist schon eine etwas außergewöhnliche Geschichte. Viele dieser bekannten Märchen beginnen meist mit einer Handlung, die nicht gleich vermuten lässt, dass es sich um ein Märchen handelt. Es könnte sich ebenso um eine ganz gewöhnliche Geschichte drehen, die alltäglich passiert. Etwas anders verhält es sich beim Fundevogel.

„Es war einmal ein Förster, der ging in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als obs ein kleines Kind wäre. Er ging dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum, und oben daraufsaß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schöße gesehen: da war er hinzugeflogen, hatte es mit seinem Schnabel weggenommen und auf den hohen Baum gesetzt.“

Ein Förster geht durch den Wald und findet ein kleines Kind in einer Baumkrone, das von einem Raubvogel seiner Mutter fortgenommen wurde. Diese eigenartige Situation wirft uns gleich mit den ersten Sätzen in die Wunder des Märchens hinein, da es sich um etwas handelt, was höchst unwahrscheinlich in der reellen Welt geschieht.

Wenn wir uns den Förster, insbesondere seine Berufung, etwas näher anschauen und dabei bedenken, dass das Märchen niemals wahllos oder zufällig einen solchen Beruf auswählt, dann bekommen wir schon leise eine Ahnung davon, aufweichen inneren Prozess uns das Märchen fuhren oder vorbereiten könnte.

Ein Förster hat die Aufgabe, im Wald nach dem rechten zu sehen, zu schützen und gegebenenfalls dort einzugreifen, wo die Ordnung gestört ist oder werden könnte. Er hat in seinem Revier den sogenannten „Durchblick“, der sich in erster Linie auf den Wald bezieht. Der Wald wird im Märchen meist als Rückzugsort oder als Gebiet beschrieben, in dem man sich verirren, die Orientierung und schließlich sein Ziel verlieren könnte.

Jener Ort kann mit dem „Dschungel“ unserer Emotionen, unseren Stimmungsschwankungen, unzähligen Gedanken, Ablenkungen und unserer Ziellosigkeit verglichen werden. …

Märchenbetrachtung von Karlheinz Schudt

Wie immer verblüffen uns die wundersamen Geschehnisse in den Märchen, denen unser Verstand keinen Glauben schenken kann. Wie soll er auch, denn es liegt nicht in seinem Aufgabenbereich. Er ist mehr für das Erinnern, Strukturieren und Organisieren zuständig, aber nicht um intuitive Lösungen im Leben zu finden.

Vom Flüchten und Verdrängen,
von Chancen und Möglichkeiten!
Auch dieses Märchen zeigt uns keine historischen Figuren, sondern schildert sinnbildlich seelisch-spirituelle Prozesse, die sich in uns abspielen und die auf verdrängte oder ungelöste Geschehnisse, aber auch großartige Fähigkeiten und Möglichkeiten in unserem Inneren hinweisen. …

Fundevogel – Nur gemeinsam sind wir stark!
Und so finden wir unter anderem in diesem Märchen vom Fundevogel ein schönes Sinnbild, das uns zeigt, zu welchen Lösungsmöglichkeiten Verstand und Intuition gemeinsam imstande wären, wenn sie sich vereinen könnten.

Diese Verbundenheit wird in dem Sprüchlein
„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich Dich auch nicht“.
„Nun und nimmermehr“
,
immer wieder von Neuem bekräftigt. Jener Spruch aber ist mehr als eine routinemäßige Bekundung zwischen „Tür und Angel“. Es ist ein lebenslanges Versprechen, eine tiefe Bejahung der eigenen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Einzigartigkeit und selbstverständlich die des anderen.

Dies kann aber nur von Erfolg gekrönt sein, wenn sich beide in Liebe vereinen. Nur so können sich ihre Kräfte ergänzen und entfalten. Denn wer sich der Liebe hingegeben hat, der kämpft nicht gegen einen vermeintlichen Feind, sondern für sein höchstes Lebensziel. Er richtet sein Augenmerk auf das, was es wahrhaftig gilt zu bewahren, zu erneuern und zu verwirklichen auf dem Weg zum Glück: die Liebe und Weisheit.

Was Dir das Märchen vom Fundevogel noch alles an tiefen Weisheiten offenbaren kann und wie Du dies ganz praktisch für Deinen erfüllteren und glücklicheren Alltag anwenden kannst, erfährst Du in dem Betrachtungs-Büchlein mit Meditations-CD zur Selbstbetrachtung.

Betstellmöglichkeit hier:
Es gibt desweiteren noch in dieser Reihe:
Betrachte das Märchen

„Frau Holle“

© der Texte Karlheinz Schudt
Märchenerzähler, Autor, Seminarleiter

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Fundevogel

Fundevogel

Fundevogel

Es war einmal ein Förster, der ging in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als ob’s ein kleines Kind wäre. Er ging dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum, und oben darauf saß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schoße gesehen, da war er hinzugeflogen, hatte es mit seinem Schnabel weggenommen und auf den hohen Baum gesetzt.

Der Förster stieg hinauf, holte das Kind herunter und dachte: „Du willst das Kind mit nach Hause nehmen und mit deinem Lenchen zusammen aufziehn.“ Er brachte es also heim, und die zwei Kinder wuchsen miteinander auf. Das aber, das auf dem Baum gefunden worden war, und weil es ein Vogel weggetragen hatte, wurde Fundevogel geheißen. Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, dass, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.

Der Förster hatte aber eine alte Köchin, die nahm eines Abends zwei Eimer und fing an, Wasser zu schleppen, und ging nicht einmal, sondern vielemal hinaus an den Brunnen. Lenchen sah es und sprach: „Hör einmal, alte Sanne, was trägst du denn so viel Wasser zu?“- „Wenn du’s keinem Menschen wieder sagen willst, so will ich dir’s wohl sagen.“ Da sagte Lenchen, nein, sie wollte es keinem Menschen wieder sagen; so sprach die Köchin: „Morgen früh, wenn der Förster auf der Jagd ist, da koche ich das Wasser, und wenn’s im Kessel siedet, werfe ich den Fundevogel ,nein und will ihn darin kochen.

Des andern Morgens in aller Frühe stand der Förster auf und ging auf die Jagd, und als er weg war, lagen die Kinder noch im Bett. Da sprach Lenchen zum Fundevogel: „Verlässt du mich nicht, so verlass‘ ich dich auch nicht!“, so sprach der Fundevogel: „Nun und nimmermehr.“ – Da sprach Lenchen: „Ich will es dir nur sagen, die alte Sanne schleppte gestern abend soviel Eimer Wasser ins Haus, da fragte ich sie, warum sie das täte, so sagte sie, wenn ich’s keinem Menschen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen: sprach ich, ich wollte es gewiss keinem Menschen sagen, da sagte sie, morgen früh, wenn der Vater auf die Jagd wäre, wollte sie den Kessel voll Wasser sieden, dich hineinwerfen und kochen. Wir wollen aber geschwind aufstehen, uns anziehen und zusammen fortgehen.“

Also standen die beiden Kinder auf, zogen sich geschwind an und gingen fort. Wie nun das Wasser im Kessel kochte, ging die Köchin in die Schlafkammer, wollte den Fundevogel holen und ihn hineinwerfen. Aber als sie hineinkam und zu den Betten trat, waren die Kinder alle beide fort, da wurde ihr grausam angst, und sie sprach vor sich: „Was will ich nun sagen, wenn der Förster heimkommt und sieht, dass die Kinder weg sind? Geschwind hinten nach, dass wir sie wieder kriegen!“

Da schickte die Köchin drei Knechte nach, die sollten laufen und die Kinder einfangen. Die Kinder aber saßen vor dem Wald, und als sie die drei Knechte von weitem laufen sahen, sprach Lenchen zum Fundevogel: ,,Verlässt du mich nicht, so verlass‘ ich dich auch nicht.“ – So sprach Fundevogel: ,,Nun und nimmermehr.“ – Da sprach Lenchen: ,,Werde du zum Rosenstöckchen und ich zum Röschen darauf.“

Wie nun die drei Knechte vor den Wald kamen, so war nichts da als ein Rosenstrauch und ein Röschen oben darauf, die Kinder aber nirgends. Da sprachen sie: „Hier ist nichts zu machen,“ und gingen heim und sagten der Köchin, sie hätten nichts in der Welt gesehen als nur ein Rosenstöckchen und ein Röschen oben darauf. Da schalt die alte Köchin: „Ihr Einfaltspinsel, ihr hättet das Rosenstöckchen sollen entzweischneiden und das Röschen abbrechen und mit nach Haus bringen, geschwind und tut’s.“ Sie mussten also zum zweiten Mal hinaus und suchen. Die Kinder sahen sie aber von weitem kommen, da sprach Lenchen:

„Fundevogel, verlässt du mich nicht, so verlass‘ ich dich auch nicht.“ – Fundevogel sagte: ,,Nun und nimmermehr.“ – Sprach Lenchen: „So werde du eine Kirche und ich die Krone darin.“ Wie nun die drei Knechte dahin kamen, war nichts da als eine Kirche und eine Krone darin. Sie sprachen also zueinander: ,,Was sollen wir hier machen? Lasst uns nach Hause gehen.“

Wie sie nach Hause kamen, fragte die Köchin, ob sie nichts gefunden hätten, so sagten sie, nein sie hätten nichts gefunden als eine Kirche, da wäre eine Krone darin gewesen. „Ihr Narren,“ schalt die Köchin, „warum habt ihr nicht die Kirche zerbrochen und die Krone mit heimgebracht?“ Nun machte sich die alte Köchin selbst auf die Beine und ging mit den drei Knechten den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen, und die Köchin wackelte hinten nach.

Da sprach Lenchen: „Fundevogel, verlässt du mich nicht, so verlass‘ ich dich auch nicht.“ -Da sprach Fundevogel: ,,Nun und nimmermehr.“ – Sprach Lenchen: „Werde zum Teich und ich die Ente drauf.“ Die Köchin aber kam herzu, und als sie den Teich sah, legte sie sich drüber hin und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, fasste sie mit ihrem Schnabel beim Kopf und zog sie ins Wasser hinein, da musste die alte Hexe ertrinken.

Da gingen die Kinder zusammen nach Hause und waren herzlich froh; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

Fundevogel, Märchen der Brüder Grimm

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